Arbeitszeitverlängerung in der Schule: ? + 2 = Verschlechterung!

Im Folgenden veröffentlichen wir einen Kommentar zur Diskussion über die drohende Arbeitszeitverlängerung für LehrerInnen. Das Thema ist so heiß, dass es derzeit überall diskutiert wird. Die Form der Diskussion ist oft mehr als übel. Und v.a. geht uns das Thema alle an – aber ganz anders als viele denken!

Pröll, Schmied & die Magie der Zahlen

Alle sprechen darüber, beginnend bei hohen RegierungsvertreterInnen. Doch haben die nur ansatzweise eine Ahnung von dem, über was sie reden, werden sich viele fragen, die die Diskussion verfolgt haben. Eigentlich sollte es ja ganz einfach sein – die Bildungsministerin will, dass zwei Stunden mehr pro Person unterrichtet wird, um neue (und teilweise durchaus sinnvolle) Projekte wie Kleingruppenunterricht, Neue Mittelschule und andere umzusetzen.

So weit, so schlecht. Denn kaum, dass der Vorschlag der Frau Ministerin von vielen Seiten (außer dem Boulevard, der sich wie z.B. die Lohnschreiberlinge von Fellners Gnaden) abgelehnt wird, heißt es plötzlich, dass im Falle der "Reformverweigerung" 4.100 LehrerInnen gekündigt werden müssen. Führen wir uns deutlich vor Augen, was das heißt: Die höhere Mathematik von Frau Schmied lautet: Wir brauchen 10% MEHR Unterrichtsstunden und wenn das nicht geht, brauchen wir 4.100 LehrerInnen WENIGER. Das soll erst einmal wer verstehen ...

LehrerInnen gehören zu den gerne geschmähten Berufsgruppen – angeblich haben sie zu viel Urlaub, zu viel Freizeit, arbeiten zu wenig usw. Tatsächlich besteht aber der Job von LehrerInnen nicht nur darin, 20 Stunden in der Klasse zu stehen. Der Unterricht muss vor- und nachbereitet werden. Es gilt Schularbeiten, Tests, Hausübungen zu korrigieren, die Matura muss abgehalten werden, es gibt die sog. unterrichtsfremden Tätigkeiten (Schikurse, Landschulwochen, Kustodiate usw. usf.). Vor einigen Jahren wurde erhoben, dass AHS-LehrerInnen im Wochenschnitt 47 Stunden arbeiten – und das, wenn ihre Jahresarbeitszeit so berechnet wird, wie wenn sie nur fünf Wochen Urlaub hätten. Viele LehrerInnen haben also während der Schulzeit gut und gerne eine 60-Stunden-Woche.

Wer kann sich denn überhaupt vorstellen, was es z.B. heißt, 20 Stunden in der Oberstufe eine Fremdsprache zu unterrichten. Wenn im Schnitt jede Klasse nur 20 SchülerInnen hätte, folgen daraus 400 Hausübungen, die pro Woche zu verbessern sind. Wenn es sich dabei z.B. um relative kurze Aufsätze von z.B. im Schnitt 5 Seiten handelt, heißt das, dass 2.000 Seiten pro Woche verbessert (nicht gelesen!) werden müssen. Wer kann sich überhaupt vorstellen, wie viel Arbeit das macht? So viel zu den faulen LehrerInnen – dieser Mythos ist schlicht und einfach absurd!

Keine Spaltung

Natürlich ist es so, dass LehrerInnen relativ gute Arbeitsbedingungen haben. Keine Frage. Aber der Neidkomplex ist nicht die richtige Antwort darauf! Die zuständige Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) hat immer wieder zu Mitteln des Arbeitskampfes gegriffen, wenn es galt, drohende Verschlechterungen abzuwehren. Daraus ist ihr kein Vorwurf zu machen. Vielmehr müssten sich jene Gewerkschaften bei der Nase nehmen, welche für ihre Mitglieder nicht genauso gute Arbeitsbedingungen erkämpft haben!

Wir sind durchaus der Meinung, dass sich alle hart arbeitenden Menschen vier Monate Urlaub im Jahr verdient haben. Warum auch nicht? Die KapitalistInnen liegen schließlich auch das ganze Jahr auf der faulen Haut und verprassen die Aktiengewinne, die sie zuvor aus unserer Lohnarbeit gepresst haben.

Wenn ÖGB-Chef Foglar in einer Presseaussendung vom 5.3.2009 nur die Diffamierung einer gesamten Berufsgruppe ablehnt, dann ist das viel zu wenig. Natürlich hat er recht damit, aber gleichzeitig muss der ÖGB jede drohende Verschlechterung von Arbeitsbedingungen ablehnen und insbes. gilt dies natürlich für drohende Arbeitszeitverlängerungen.

Die Strategie der Herrschenden ist bisher aber aufgegangen. Die jahrelang geschürten Vorurteile gegen LehrerInnen führen dazu, dass sich in angeblichen Meinungsumfragen große Teile der Bevölkerung für diese drohende Arbeitszeitverlängerung aussprechen. Sogar ein mittlerer Gewerkschaftsfunktionär der GPA-djp Wien spricht sich in seiner Funktion als Vorsitzender des Dachverbandes der Pflichtschul-Elternvereine dafür und gegen Kampfmaßnahmen der KollegInnen in den Schulen aus. Uns würde sehr interessieren, ob er das auch so sehen würde, wenn die Geschäftsführung in seinem Betrieb eine Arbeitszeitverlängerung um 10% vorschlagen würde. Der Betreffende ist nämlich auch Betriebsratsvorsitzender im Sozialbereich und argumentiert seine Ablehnung von Kampfmaßnahmen damit, dass die Eltern ja dann Probleme hätten, ihren Betreuungspflichten nachzukommen. Stimmt. Aber welche Probleme mit ihren Betreuungspflichten hätten alle Eltern erst, wenn ihre Arbeitszeit überall um 10% verlängert werden würde?

Offene Scheunentore

Und genau hier liegt die wirkliche Gefahr! Tatsächlich würde die Verlängerung der Arbeitszeit der LehrerInnen die Dämme zum Einstürzen bringen. Wenn es gelingt, die Arbeitszeit in einer gewerkschaftlich gut organisierten und kampfbereiten Branche zu verlängern, dann ist die Arbeitszeit nirgendwo mehr sicher. Die allgemeine Verlängerung der Arbeitszeit (selbstverständlich ohne Lohnausgleich, wir sind schließlich in der Krise und müssen deshalb unseren Solidarbeitrag leisten, wie die Bildungsministerin meint) wäre die Folge und schon bald könnten wir der 40-Stunden-Woche adieu sagen.

Und das will wohl niemand. Tatsächlich handelt es sich unserer Einschätzung nach beim Versuch der Verlängerung der Arbeitszeit von LehrerInnen nur um einen Testballon, was derzeit möglich ist. Natürlich würde es dem Kapital in seiner derzeitigen Krise massiv helfen, wenn wir alle für gleich viel Geld deutlich mehr arbeiten würden. Oder – um präzise zu sein – nicht wir alle. Denn durch die Arbeitszeitverlängerung wäre es möglich, noch viel mehr Arbeitsplätze zu vernichten als es die Unternehmen momentan ohnedies schon tun.

Und genau darum müssen wir alle den LehrerInnen unsere volle Solidarität zukommen lassen. Sonst wird der absehbare Generalangriff auf unserer Arbeitszeiten und Arbeitsplätze wohl so wie in Frankreich enden, wo nahezu ohne Widerstand innerhalb kürzester Zeit aus der 35- wieder die 40-Stunden-Woche wurde.

Solidarität ist Trumpf!

Viele LehrerInnen sagen heute: Wenn die Gewerkschaft jetzt nichts dagegen tut, dann trete ich aus. Wir halten das für den falschen Weg. Vor einigen Jahren hat sich eine Minderheit von fortschrittlichen LehrerInnen von der GÖD abgespalten und die sog. Unabhängige Bildungsgewerkschaft gegründet, von der heute nichts mehr zu hören ist. Ja, noch viel schlimmer: Sie haben damit der bürgerlichen Führung der GÖD um Neugebauer&Co das Feld kampflos überlassen.

Es ist vollkommen berechtigt, die GÖD heute unter Druck zu setzen, so dass diese die schärfsten Kampfmaßnahmen bis hin zum unbefristeten Streik ergreifen muss, um die geplante Verlängerung der Arbeitszeit abzuwehren. Ein möglicher Weg dazu wäre z.B. die Einrichtung eines kollektiven Treuhandfonds auf den die Gewerkschaftsbeiträge eingezahlt und erst dann an die GÖD weiter überwiesen werden, wenn der Kampf begonnen wurde.

Gleichzeitig müssen wir alle in diesem Kampf unsere volle Solidarität mit den LehrerInnen zum Ausdruck bringen, um zu verhindern, dass wir selbst als nächste zum Opfer werden. Wir müssen daher in allen Gewerkschaften für die volle Unterstützung der berechtigten Interessen der KollegInnen in den Schulen eintreten. Für diesen Kampf schlagen wir folgende Forderungen vor:

  • Kein Arbeitszeitverlängerung, kein Stellenabbau – weder in der Schule noch sonst wo!
  • Kampf der Arbeitslosigkeit durch Verkürzung der Arbeitszeit auf 32 Stunden bzw. der Unterrichtsverpflichtung auf 16 Stunden für LehrerInnen bei vollem Lohn- und Personalausgleich!
  • Gründung von Aktionskomitees an allen Schulen, welche österreichweit vernetzt über die erforderlichen Kampfmaßnahmen beschließen!
  • Frau Schmied – wir nehmen ihr Angebot dankend an: Nehmen sie bitte ihren Hut!
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